50 Jahre Anwerbeabkommen für Pflegekräfte aus Südkorea

Der 15. Oktober 1966 war ein trüber, grauer Herbsttag in Berlin. Es war der Tag, an dem die Südkoreanerinnen Youngsook Rippel-Choi und Jinhyang Kim-Moeck zum ersten Mal deutschen Boden betraten. Nach insgesamt 24 Stunden Flug landeten die beiden Frauen gemeinsam mit anderen südkoreanischen Krankenschwestern auf dem Flughafen in Tempelhof.

Insgesamt kamen von 1966 bis 1977 rund 11.000 Krankenschwestern aus Südkorea in die Bundesrepublik. In Deutschland waren schon damals die Pflegekräfte rar. Südkorea hingegen war nach dem Korea-Krieg Anfang der 1950er Jahre ein verarmtes Land, diktatorisch regiert durch den Präsidenten Park Chung-hee, der sich Anfang der 1960er Jahre an die Macht geputscht hatte. Er hoffte, dass die Arbeitskräfte aus Südkorea durch die Rücküberweisung von Devisen der Wirtschaft des Landes auf die Beine helfen würden. Deswegen ließ er in dem ansonsten recht abgeschotteten Land Abwanderung in Länder wie die USA oder Saudi-Arabien zu.

In Richtung Deutschland machten ab 1963, geregelt in einem Anwerbeabkommen zwischen beiden Ländern, insgesamt rund 8.000 Bergleute den Anfang, ab 1966 konnten dann auch Krankenschwestern angeworben werden. Sie waren nach us-amerikanischem Vorbild gut ausgebildet. In der Krankenpflege zu arbeiten, war ein angesehener und begehrter Beruf für junge Frauen in dem ostasiatischen Land, die staatliche Ausbildung war kostenlos. Die Abwanderung von gut ausgebildeten Fachkräften und die Lücken, die sie im heimischen Gesundheitssystem hinterließen, das waren offiziell keine Themen.

"Ich schwebte im Himmel"

Auch Jinhyang Kim-Moeck hatte sich keine Gedanken über entstehende Lücken gemacht, auch dann nicht, als eine Kollegin sie fragte, was denn aus dem Krankenhaus werden solle, wenn so viele junge Frauen gehen, und sie bat, in Korea zu bleiben. Seit sie im Sommer 1966 in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, dass koreanische Krankenschwestern in Deutschland gesucht wurden, war ihre Abenteuerlust geweckt. Sie wollte Europa kennenlernen, Orte wie die Loreley, Paris und Rom besuchen. "Ich war noch nie geflogen, für mich war das wie ein Traum, ich schwebte im Himmel", erinnert sich die heute 72-Jährige. Für drei Jahre wollte sie gehen, wie sie ihren Eltern sagte, dann wollte sie wieder zurückkehren. Und die ließen sie schweren Herzens gehen, an die Tränen der Mutter erinnert sich Kim-Moeck heute noch. Ihre erste Station war das Krankenhaus Neukölln in Berlin.

Das Leben und die Arbeit in Deutschland waren für die jungen Koreanerinnen eine enorme Umstellung. Die Vorbereitung auf den Länderwechsel bestand in einem sechswöchigen Deutschkurs, Anti-Kommunismus-Schulung inklusive. "Wenn ich das alles gewusst hätte, wäre ich nie gekommen", sagt Youngsook Rippel-Choi heute lachend. Sie hatte diesen Weg gewählt, um Mutter und Bruder finanziell unterstützen zu können. Anders als in Deutschland gehört die Grundpflege in Südkorea nicht zu den Aufgaben von Krankenschwestern. Angehörige waschen und pflegen die Kranken in den Kliniken. Das ist noch heute so. Auf der Männerstation im Berliner Krankenhaus Havelhöhe, auf der damals überwiegend Tuberkulose-Kranke untergebracht waren, wurde das aber von ihr
erwartet. Und so sah die junge Koreanerin zum ersten Mal in ihrem Leben einen nackten Mann. Tätigkeiten wie Füttern und Bettenmachen erledigen in vielen asiatischen Ländern nicht die Krankenschwestern, sie sind dort noch heute eher Assistentinnen des Arztes.

"Viel gelächelt und alles gemacht"

Schwierig war es anfangs mit der Sprache. Zwar hatten die Koreanerinnen, die nach Berlin gekommen waren, nach ihrer Ankunft nochThi Lan Dao aus Vietnam hat sich für eine Altenpflegeausbildung in Braunschweig entschieden einen dreimonatigen Sprachkurs absolviert, aber für die Arbeit auf der Station reichte selbst das nicht. "Ich habe viel gelächelt und alles gemacht", erzählt Jinhyang Kim-Moeck. "Ich konnte die Sprache nicht, also konnte ich nicht widersprechen." Kook-Nam Cho-Ruwwe, die 1970 in einem Krankenhaus im nordrhein-westfälischen Ratingen anfing, erinnert sich noch heute daran, dass die Männer auf ihrer Station viele Witze gemacht haben. "Doch der Humor ist nicht angekommen", sagt sie.

Weil Kook-Nam für deutsche Zungen angeblich zu schwer auszusprechen war, wurde sie in Theresa umbenannt. In der Kleinstadt hatte die örtliche Zeitung über die Ankunft der acht Frauen aus dem fernen Osten berichtet, so dass alle bei Ausflügen in die Stadt neugierig bestaunt wurden. Daher wechselte sie nach drei Jahren nach Berlin, wo sie halbtags arbeitete und abends ihr Abitur nachmachte. Geholfen haben allen drei Frauen in der schweren Anfangszeit die koreanischen Kolleginnen, mit denen sie gemeinsam im Schwesternheim wohnten. Dort konnten sie nach Feierabend über Erlebtes und über ihr Heimweh reden; sie machten sich gegenseitig Mut und versuchten, mit deutschen Lebensmitteln heimische Gerichte wie Kimchi, fermentiertes Gemüse, zuzubereiten. Unterstützt wurden sie auch von Schwestern, Ärzten und Patienten, viele versuchten, ihnen den Zugang zu dem fremden Land zu erleichtern. Daraus entstanden viele Kontakte.

Und heute: Einreise aus Vietnam

Noch heute kommen Pflegekräfte aus Asien nach Deutschland. Eine von ihnen ist die Vietnamesin Thi Lan Dao. Im September 2013 ist die gelernte Krankenschwester mit zehn Kolleg/innen nach Braunschweig gekommen, um bei der AWO eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu machen. Für junge Menschen ist es in Vietnam schwierig, Arbeit zu finden, viele gehen ins Ausland. So arbeitet der Mann der 26-Jährigen in einer Fabrik in Südkorea. Fünf Monate hatte sie zuvor mit rund 120 weiteren Teilnehmer/innen Deutsch gelernt, als Teil eines von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geförderten Projekts. Bei einer zweiten Gruppe, die seit September 2015 in Deutschland ausgebildet wird, wurde der Sprachkurs auf ein Jahr verlängert. Thi Lan Daos Ausbildungsgang war zudem um ein Jahr verkürzt, eine weitere große Herausforderung für die jungen Frauen und Männer.

Trotz ihres vierjährigen Studiums fehlte ihnen zum Beispiel das Wissen über Diabetes und Parkinson, Krankheiten, die in Vietnam selten seien, sagt Dao. Überhaupt ist dort das Wissen um die Besonderheiten der Altenpflege nicht weit verbreitet, der Altersdurchschnitt liegt bei 25 Jahren, in Deutschland ist er knapp 20 Jahre höher. Daher hofft die GIZ darauf, dass vielleicht einige der Fachkräfte eines Tages zurückkehren und in Vietnam ihr Wissen in der alternden Gesellschaft anwenden können. Das war einer der Gründe, aus denen sich die AWO für Azubis aus Vietnam entschieden hat: Sie wollte nicht in anderen Ländern Personallücken reißen, um eigene zu füllen. Denn in Deutschland ist es für die AWO trotz Tarifgehalts schwer, Fachkräfte zu finden. "In finanzstärkeren Wirtschaftszweigen wird halt besser bezahlt", sagt Vera Kimpel, die mittlerweile für das Projekt bei der AWO verantwortlich ist. Rund 50 Azubis werden dort aktuell insgesamt ausgebildet.

Gute Vorbereitung bei der AWO

Die AWO hat sich gründlich auf die jungen Vietnames/innen vorbereitet. Daran beteiligt ist eine Arbeitsgemeinschaft, die ein Netzwerk in der gesamten Stadt aufgebaut hat; mit dabei ist auch der Betriebsrat. Es wurden drei Wohnungen gesucht, in denen die zehn in Kleingruppen leben konnten. Sogar für Alltagssituationen wie Busfahren, Kontoeröffnung oder Krankenversicherung gab es Unterstützung. Deutschen Kolleg/innen werden freiwillige Infoveranstaltungen über Vietnam angeboten, die, so Kimpel, gut angenommen werden. Für die Neuangekommenen ist Heimweh immer noch ein Problem, doch Skype und Internet sorgen heutzutage dafür, dass die Azubis aus Südostasien schneller und preiswerter Kontakt zu den Angehörigen in der Heimat aufnehmen können. In den 1960er Jahren waren Briefe noch zehn Tage unterwegs, und die Flüge waren sehr teuer.

Heutzutage macht es die gewachsene Zahl an Asia-Läden in Deutschland einfacher, die Zutaten für gewohnte Mahlzeiten zu bekommen. Dennoch hat Thi Lan Dao sich einen Reiskocher aus Vietnam mitgebracht. Und vermisst neben ihren Angehörigen besonders die gute Küche ihrer Mutter. "In Vietnam hat man mehr Zeit für die Patienten", antwortet die 26-Jährige auf die Frage nach Unterschieden in der Arbeit. Schlechte Behandlung aufgrund ihrer Herkunft ist ihr nur selten widerfahren. "Und wenn, dann muss man Respekt haben und diese Menschen trotzdem weiter nett behandeln." Unterstützt wird sie dabei von ihrem Arbeitgeber, schließlich arbeiten bei der AWO Braunschweig Männer und Frauen aus mehr als 30 Nationen. "Wir haben ganz tolle Fachkräfte bekommen, sympathisch, nett und zuverlässig", sagt Vera Kimpel. Alle haben ein gutes Examen geschafft und ein Übernahmeangebot bekommen.

Von den Philippinen nach Süddeutschland

Positive Erfahrung hat auch das Uni-Klinikum in Freiburg mit Pflegepersonal aus Asien gemacht. Hier wird im Juni die dritte Gruppe philippinischer Krankenschwestern und -pfleger erwartet, ebenfalls über ein GIZ-Projekt. Sabine Rohde von der Stabsstelle Pflegedirektion erzählt, dass dort ein Paten- system den Einstieg in den deutschen Alltag erleichtert. Trotz einer Vorqualifikation im Heimatland stellen die Sprachkenntnisse eins der größten Probleme dar. Doch mit hoher Lernbereitschaft auf der einen und viel Offenheit und Toleranz auf der anderen Seite würden diese Hürden gemeistert. Bezahlt werden die neu Angeworbenen ebenso wie die anderen Kolleg/innen, die im Klinikum arbeiten. Viele der Asiatinnen haben sich aus wirtschaftlichen Gründen entschieden, im Ausland zu arbeiten. Geschätzt arbeiten rund acht Millionen Filipinos im Ausland, das sind knapp zehn Prozent der Bevölkerung. Ihre Rücküberweisungen in die Heimat sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Doch das offizielle Anwerbeabkommen zwischen beiden Ländern führe auch zu Problemen mit Trittbrettfahrern, erzählt Genevieve Gencianos, die bei der Internationale der öffentlichen Dienste (IÖD), zu der auch ver.di gehört, für die weltweite Migration zuständig ist.Diese Leute werben gezielt in Krankenhäusern das Personal ab, setzen es unter Zeitdruck, so schnell wie möglich Verträge zu unterschreiben und nach Deutschland zu gehen. Damit schaden sie zum einen dem Gesundheitssystem vor Ort, weil ganze Stationen auf einmal ohne oder nur noch mit wenig Personal dastehen, zum anderen landen die Männer und Frauen oft in dubiosen Arbeitsverhältnissen, ohne die Sprache und ihre Rechte zu kennen. Deswegen hat die IÖD drei Broschüren entwickelt. Eine informiert Schwestern und Pfleger, die über die Migration nach Deutschland nachdenken, über den Arbeitsalltag in der Pflege. Die zweite klärt diejenigen, die sich für die Migration entschieden haben, über ihre Rechte und Pflichten im Arbeitsleben und über den Alltag hierzulande auf. Mit der dritten schließlich können sie sich auf ihre Rückkehr in die Heimat vorbereiten.

Abwerbung - eine "kolonialistische Methode"

Mit der besseren Vorbereitung auf die Arbeit hierzulande und die intensivere Sprachschulung vor und während des Aufenthalts sind einige Punkte verbessert worden, die Kook-Nam Cho-Ruwwe an der Arbeitsmigration kritisiert hat. Aber sie sieht in der Abwerbung von in der Heimat gut ausgebildetem Pflegepersonal immer noch eine "kolonialistische Methode", von der in erster Linie die europäischen Länder profitieren. Statt in Deutschland die immer noch schlechte Personalsituation in der Pflege zu verbessern, greife die deutsche Politik auf im Ausland ausgebildete Fachkräfte zurück. Ebenso wie Jinhyang Kim-Moeck und Youngsook Rippel-Choi lebt sie auch heute noch in Deutschland, alle drei Frauen sind oder waren mit Deutschen verheiratet.

Die koreanischen Krankenschwestern haben sich schnell in der Bundesrepublik zusammengeschlossen,vernetzt und sind politisch aktiv geworden, denn für viele Rechte wie zum Beispiel den Familiennachzug oder die Anerkennung von Qualifikationen mussten sie kämpfen. 1977 drohte ihnen mit dem Anwerbestopp auch die Abschiebung, wenn die immer wieder befristeten Verträge ausliefen. "Wir waren halt nur als Arbeitskräfte erwünscht, nicht als Zuwanderer", sagt Cho-Ruwwe. Doch gemeinsam sammelten die Frauen in der Koreanischen Frauengruppe Unterschriften, erkämpften sich ein Arbeits- und Bleiberecht. Rund 5.000 von ihnen sind in Deutschland geblieben. Sie haben hier Familien gegründet und lange Jahre gearbeitet, später auch in Positionen wie der Stations- oder Pflegedienstleitung.


Aus „ver.di Publik / Ausgabe 04 / Spezial / Migration / Seiten 20+21 / Gekommen und geblieben” von Heike Langenberg