Terra Brasilis

Zeitungsleser pflegen diese gute alte Angewohnheit, hier und da mal einen Artikel – gern auch mit Foto – auszuschneiden und sie dann als Erinnerung oder Veranstaltungstipp zu verwenden. Hätte Karin mich nicht auf diese Weise auf den Tanzabend im Theater Hagen aufmerksam gemacht, dann hätten wir die zeitgenössischen brasilianischen Choreographien von Luiz Bongiovanni, Henrique Rodovalho und Tindaro Silvano sicherlich nicht zu sehen bekommen. Wir waren ja erst kürzlich von unserer Brasilienreise zurückgekehrt und noch gar nicht vollständig wieder angekommen.

Am Aufgang zu unseren Plätzen wurden wir mit einem stolzen „Guten Abend in Brasilien“ begrüßt, was mich zum Schmunzeln brachte, denn wir hatten ja wenige Tage zuvor mehr als 10.000 Kilometer zurückgelegt, um aus dem brasilianischen Salvador nach Dortmund zu kommen und heute Abend hatte eine halbe Stunde mit dem Auto ausgereicht, um nach Brasilien zu kommen.

Das „Bürgertheater“ Hagen gefällt uns auf Anhieb. Der Jugendstil ziert seine Fassade und es beherbergt einen wunderschönen Saal mit ansteigenden Rängen, Logen und einer Bühne, die später ihre moderne Technik offenbaren wird. Es ist ein Wochentag und doch haben erstaunlich viele Menschen den Weg in die Abendveranstaltung gefunden. Da wir kaum Zeit gefunden haben, uns vorzubereiten, bemühe ich das Smartphone und lese uns schnell noch einige Infos zum Abend von der Theaterwebseite vor.

Dann beginnt die erste Choreografie von Tindaro Silvano mit Musik von Egberto Gismonti. „Impromptu“ heißt das Stück und was ich sehe und höre, will sich für mich nicht so recht als brasilianisch erschließen lassen, weil meine Sinne in den vergangenen Wochen durch die Erlebnisse im afrobrasilianischen Bahia etwas andersartig konditioniert worden sind. Gleichwohl beeindrucken mich die 12 balletösen TänzerInnen mit ihren verschachtelten und aus der Ferne erst wirkenden chorischen Bewegungsabläufen und nach 35 Minuten fühlt man auch als Zuschauer, dass die Intensität der schnellen Bewegungsmuster nun nach der Pause verlangt.

Das Ensemble des Ballett Hagen besteht – nach meinem Eindruck – ausschließlich aus jungen Tänzerinnen und Tänzern. Teppiche aus weißem Licht werden auf den Bühnenboden geworfen und locken die anmutig Tanzenden von der Dunkelheit in die Helligkeit. Sie bewegen sich zur Musik von Paula Morelenbaum in der Choreografie von Henrique Rodovalho. Eine neue Musik leitet den scheinbaren Abbruch der Choreografie ein. Das Tänzer-Trio wird nun abgelöst von einem Paar, das sich langsam durch Licht und Schatten näher kommt, ohne Notiz voneinander zu nehmen, während ein blauer Vorhang aus Licht langsam aber stetig an der Bühnenrückwand heraufgezogen wird. Zum Zeitpunkt der größten Nähe der beiden beginnt eine fast unerträglich geschmeidige Capoeira-Sequenz … Dann wird der Bühnenboden ebenso blau wie der noch immer höher strebende Hintergrund und weitere TänzerInnen kommen hinzu, bewegen sich nun synchron in 2 Quartetten und schließlich in einem Oktett. Lichtwechsel, vorne hellblau, hinten dunkelblau. Die Gruppe kommt im Dunkel zusammen und es treten immer 2, 4 Tänzer hervor ins Licht, um ihre Bewegungen wie auf einem Laufsteg zu präsentieren. Im Finale frieren die Bewegungen ein, das Licht geht aus und es bleibt der Eindruck von unerhörter Leichtigkeit.

„Warum immer von 1 bis 8, das kann ein bisschen langweilig sein.“ lässt Luiz Bongiovanni seine Tänzerin sagen. Sie beschwert sich über die strengen Zählregeln des Ballett, wagt im Spaß die Überschreitung der Grenzen, aber das Ensemble scheint sich der Tradition zu fügen und die Ordnung der Bewegungsabfolgen hat etwas mathematisch Präzises, was uns einigermaßen beeindruckt. Ich lese, das Bongiovanni die Choreografien aus persönlichen Improvisationen der Tänzer entwickelt hat und damit die Formvorgaben des Ballett zu überwinden sucht. Ich beobachte viel Anmut, athletischen Ausdruck und Perfektion zur Musik des brasilianischen Violinisten Di Freitas. Das Stück „Tupi or not Tupi“ gibt uns mit seinem Titel einen Hinweis auf eine Quelle der Inspiration. Die Tupi waren vor der Kolonialzeit einer der größten Volksstämme Brasiliens.